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Volksstimme — Die Zeitung für das Oberbaselbiet

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Die beliebte Wirtin auf der Fluh

Serie Themenweg (8): Blick über das Dorf

Luggi Graf verpflegt einen durstigen Wanderer. Hinter ihnen die erste Baracke, die mit der Unterstützung der Brauerei Ziegelhof errichtet wurde.Bild zvg

Zum 800-jährigen Bestehen hat die Gemeinde Sissach einen Themenweg realisiert, der sich mit relevanten Themen und Persönlichkeiten der jüngeren Dorfgeschichte befasst. Diesen Sommer zeigt die «Volksstimme» Auszüge aus den Texten zu den acht Stationen des Rundgangs. Letzter Teil: Blick über Sissach mit Luggi Graf und Fritz Hodel.

Luggi Graf, die legendäre Fluhwirtin, hat viel dazu beigetragen, dass die «Sissacherfluh» von einer einfachen Baracke zu einer guten Bergbeiz und damit zu einem beliebten Ausflugsort für die Region geworden ist.

Als am 25. Oktober 1966 Louise Graf, genannt «Luggi» im Alter von nur 68 Jahren starb, erschütterte diese Nachricht viele. Insbesondere zu denken gab es jenen, die seit Jahr und Tag oben auf der «Sissacherfluh» zu einem Schoppen einkehrten. Luggi Graf, die Fluhbäiz-Wirtin, war mit der Fluh sozusagen untrennbar verbunden.

Wir schreiben das Jahr 1934. Louise «Luggi» Kestenholz, geborene Graf, kehrt mit ihrer Tochter Alice aus der Stadt Basel zurück nach Sissach auf den Hof Obere Hinteregg, wo sie und Alice zwei Zimmer bewohnen dürfen. Auf dem Hof leben auch die Eltern Jakob und Rosa Graf-Hofer sowie Luggis Bruder Heinrich, genannt «Hinter egg-Heiri». Heiri spielte in der Freizeit beim Musikverein Sissach, andererseits war er Aktivmitglied bei den Feldschützen. Es ist überliefert, dass sich Luggi nie wirklich wohlgefühlt habe in der gros sen Stadt.

Nach der Scheidung verdient sie ihren Lebensunterhalt zunächst damit, Kirschen und Obst im Dorf zu verkaufen. Zu diesem Zweck wandert sie regelmässig mit dem beladenen Leiterwägeli ins Dorf hinab. Zuweilen ist sie auch auf der Rickenbacherhöchi anzutreffen, wo sie Soldaten verpflegt, die hier ihren WK verbringen. An Sonntagen hält sie auf der Wintersingerhöhe an einem Tisch Eptinger, Sissa und Schoggi feil. Berichtet wird auch, sie habe morgens nach dem Aufstehen zeitig den Hof verlassen und sei erst abends wieder heimgekehrt.

Bereits im Sommer 1935 kann Luggi Graf dank der Unterstützung des Ziegelhof-Bierbrauers Jakob Meyer auf der Fluh in einer kleinen Baracke eine Sonntagswirtschaft eröffnen. Anfänglich haben weder der Gemeinderat noch der Verkehrs- und Verschönerungsverein Sissach Freude daran. Nicht jeder vielbegangene Aussichtspunkt müsse mit einer Wirtschaft verunstaltet werden, heisst es. Es gibt sogar Überlegungen, das praktizierte sonntägliche Hissen der Fluhfahne abzubrechen, um wegen der Fahne nicht noch zusätzlich Leute auf die Fluh zu locken.

Die erste Ziegelhof-Baracke, erstellt im Sommer 1935 am Waldrand (dort, wo heute die Skulptur «Autilus» von Marco Rossi steht), dient vor allem als Remise zur Lagerung von Vorräten, Bänken und Tischen. Die Gäste werden im Freien bedient.

Bei schönem Wetter wird die Fluh regelrecht überrannt und Graf muss die Tische und Bänke fast bis zur Fluhterrasse aufstellen. Das wiederum ist einigen Gästen, dem Gemeinderat und auch dem Verkehrs- und Verschönerungsverein dann doch zu viel des Guten. Die Brauerei Ziegelhof erstellt neben der bestehenden Baracke eine zweite, grössere. Nun ist es Luggi Graf möglich, ihre Gäste auch im Trockenen zu bewirten und dank einer kleinen Küche sogar einfache und auch warme Speisen anzubieten.

Dass das Bedürfnis besteht, hier auf der Fluh zu essen und zu trinken, daran besteht bald kein Zweifel mehr. Stein des Anstosses waren nur noch der Standort der Baracken und die Tatsache, dass auch an Wochentagen gewirtet wird. Nach einigem Hin und Her einigen sich Verkehrs- und Verschönerungsverein, Gemeinderat und Luggi Graf, die Fluhwirtschaft an den Nordwestrand der Fluhmatte zu dislozieren – ganz in die Nähe des Wasserreservoirs. Ausserdem soll die Baracke durch eine gefälligere Blockhütte ersetzt werden.

Wiederum dank tatkräftiger Unterstützung durch die Brauerei Ziegelhof kann die Blockhütte am 29. Mai 1937 dem Betrieb übergeben werden. Luggi Graf – wer sonst? – wurde vom VVS zur ersten Pächterin erkoren. Im Jubiläumsbericht zu «75 Jahre Verkehrs- und Verschönerungsverein Sissach und Umgebung» aus dem Jahr 1978 heisst es wörtlich: «Ihr liebes Wesen und die einfache Gastlichkeit ohne grosses ‹Köch› war weitherum bekannt und beliebt. S’Luggi und d’Sissecher Fluh waren eins geworden.»

Heidi Hiller-Schaub, die noch immer auf dem Hof Obere Hinteregg wohnt, erinnert sich noch gut an Luggi: «Wenn oben das Wasser ausgegangen ist, hat sie sich vor den Abgrund gestellt und lauthals hinunter zum Hof geschrien: ‹Stellet s Wasser a!›» Erst 1995 wurde durch die Gemeinde Sissach eine richtige, rund 550 Meter lange Wasserleitung erstellt.

Heidi Hiller weiss auch noch, dass sie als Kind jeweils das von Mutter Graf gebackene Sauerteigbrot und Eier hat auf die Fluh tragen müssen. Damals, räumt sie ein, seien sie oft den steilen Chrachen hinauf zur Fluh hinaufgeklettert. Zum Glück sei nie etwas passiert. Ebenfalls noch erinnern mag sie sich, dass jeweils an Sonntagen ein Hans Schaub aus Sissach auf den Hof kam, in der Küche einen Stumpen rauchte, ein Gläschen Schnaps trank und dann hinauf zu Luggi wanderte.

An schönen Sonntagen wanderten ganze Heerscharen auf die Sissacher Fluh. Es gab einfache Plättli mit Speck, Fleischkäse oder «Alpe-Chlübler», Wurst und Brot sowie Getränke. Luggi Graf trug jeden Tag Würste und alles zum täglichen Gebrauch in zwei Taschen auf die Fluh. Das Bier und die Getränke hingegen wurden mit dem Lastwagen oder dem Traktor hinaufgebracht. Bevor die Wasserleitung erstellt wurde, musste das Wasser in Milchkannen auf die Fluh geführt werden.

Luggi Graf war bei den Gästen als freundlich und zuvorkommend beliebt. Sie hatte beim Service Unterstützung einerseits von Tochter Alice, andererseits von Silvia Egli. Ebenfalls schon früh zu einer wertvollen Hilfe avancierte Margrit Hodel-Buser, die nach dem frühen Tod von Luggi Graf ab 1967 zusammen mit ihrem Mann Karl die Fluhbäiz übernahm.

Im in der «Volks stimme» vom 28. Oktober 1966 publizierten Nachruf heisst es: «Frau Graf war die berufene Wirtin für die Bergwirtschaft auf der Sissacherfluh. Vielen Wanderern, Skifahrern und Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg, alles Gäste aus Stadt und Land, hat sie mit ihrer bäuerlichen, einfachen Gastlichkeit Freude und Gemütlichkeit bereitet. Wir danken ihr dafür. In der Fluhwirtschaft waren die Jahreszeiten spürbar. Ab Neujahr gab es irgendwann einmal Metzgete. Um die Fasnachtszeit waren Schenkeli und Küechli auf dem Tisch, an Ostern die Eier, in der Maienzeit die Waldmeisterbowle, an Weihnachten Änisbrötli und Brunsli. Das ganze Jahr gab es Linzertorte – und dies alles aus der eigenen Küche. Gerade Kindern, die ‹glustig› schauten, hat Luggi manche dieser Süssigkeiten zugesteckt. Sie verstand es zu geben.»

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