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Gelterkinden

Wo das Heu zur Kunst wird

«Höi Heu» verbindet Ausstellung und Theater

Ein Blick in die Ausstellung.

Mit «Höi Heu» bringen Regisseur Kaspar Geiger und Künstlerin Ursula Pfister Theater und Kunst mitten in die Gelterkinder Landschaft – und nähern sich der bäuerlichen Lebenswelt auf unterschiedlichen Wegen.

Etwas abseits, mitten in der Gelterkinder Kulturlandschaft, steht das «Heu-Schüürli» Raine. Eine alte Scheune aus Stein und Holz, umgeben von Wiesen und Feldern. Normalerweise verirrt sich kaum ein Kulturbesucher hierher. Vom 28. August bis 13. September wird das anders. Dann hängen im Innern getrocknete und gezeichnete Blumen und Gräser an den Wänden. Kleine Säckchen verströmen den Duft von Heu. Eine Schauspielerin erzählt vom Leben von Knechten und Mägden, Musik erklingt zwischen den Holzbalken. Wenige Tage später wird dieselbe Scheune zum Schauplatz einer tragischen Liebesgeschichte aus einem Waadtländer Bauerndorf.

Ausstellung, Theater, Musik und ein Gespräch über Heu kommen unter dem Titel «Höi Heu» an diesem ungewöhnlichen Ort zusammen. Die Idee dazu hatte Regisseur Kaspar Geiger und ging damit auf die Gelterkinder Künstlerin Ursula Pfister zu. Im Austausch der beiden kristallisierte sich das heutige Projekt heraus: Pfister bringt ihre eigene künstlerische Auseinandersetzung mit Heu und Heumatten ein, Geiger insbesondere zwei Theaterarbeiten.

Der passende Ort fand sich durch Pfister. Das «Heu-Schüürli» gehört guten Freunden von ihr, die es kostenlos zur Verfügung stellen. Es wird damit nicht bloss zum Behälter für die verschiedenen Veranstaltungen. Die Scheune, die Landschaft und das Heu gehören selbst zum Projekt.

Pfister beschäftigt sich seit mehr als einem Jahr mit dem, was auf Heumatten wächst. Sie sammelte Blumen und Gräser zusammen mit ihrem Mann Andres Klein – von Beruf Botaniker und Schreiber der Kolumne «Ahnig vo Botanik?» –, zog einzelne Pflanzen mitsamt ihren Wurzeln aus dem Boden und trocknete sie. Daneben entstanden weitere Arbeiten, in denen sie Formen und Strukturen der Pflanzen künstlerisch aufgreift.

Besonders geprägt haben sie die Begegnungen mit mehr als 15 Bäuerinnen und Bauern. Pfister besuchte sie und liess sich an jene Orte mitnehmen, an denen ihr Heu entsteht. «Diese Begegnungen haben mich sehr berührt. Ich bin überall herzlich empfangen worden und habe dabei erfahren, was die Bauern tagtäglich leisten und welche Bedeutung diese Arbeit für sie hat», erzählt Pfister.

Von jedem Hof nahm Pfister Heu mit. Es steckt nun in selbst genähten Säcken, die in der Scheune hängen werden. Die Besucherinnen und Besucher dürfen daran riechen. Ihre übrigen Arbeiten befestigt Pfister an dünnen Drähten entlang der Innenwände. Auf Stellwände und ortsfremdes Material verzichtet sie bewusst. «Die Auseinandersetzung mit dem Heu, der Trockenheit und deren Auswirkung auf die Arbeit unserer Landwirtinnen und Landwirte könnte nicht aktueller sein», sagt Pfister. Sie freut sich auf die Auseinandersetzung der Besuchenden mit ihrer Ausstellung.

Knechte und Mägde sprechen

Kaspar Geiger nähert sich der bäuerlichen Lebenswelt über das Theater. Den Anfang macht «Es Läbe lang», ein Mundart-Epos von Heinz Stalder. Im Jahr 1994 begleitete der Autor im Auftrag der «Neuen Zürcher Zeitung» den jährlichen Ausflug des Bernischen Verbands landwirtschaftlich Angestellter.

Vor allem Pensionierte nahmen an dem Ausflug teil – und verstanden sich weiterhin als Knechte und Mägde. Ihr Leben war geprägt von Arbeit und Mangel, Vieh und Feld und von der Abhängigkeit vom Bauern, dem «Meister». Der Humor ist dabei keineswegs verschwunden: Die Gespräche reichen von Blut- und Leberwürsten und Kühen bis zu Politik und neuen Hüftgelenken.

Marlise Fischer lässt diese Welt erzählend und im Dialog aufleben. Martin Abbühl begleitet sie mit seiner Geige, meist jazzig und bluesig. Requisiten und Kostüme bleiben bewusst einfach. Im Mittelpunkt stehen die Erinnerungen und Haltungen dieser Menschen.

Vom Schutzraum zum Gefängnis

Eine zweite Theaterarbeit entsteht eigens für «Höi Heu». Geiger inszeniert den Roman «Aline» von C. F. Ramuz als szenische Lesung. Die Geschichte spielt um 1905 in einem Waadtländer Bauerndorf. Aline, Tochter einer armen Witwe, verliebt sich in den Sohn des Bürgermeisters, wird schwanger und von ihm verlassen. Auch das Dorf und ihre Mutter wenden sich von ihr ab. Die Geschichte endet tragisch.

«Die dörfliche Ordnung, die Bindung an die Mutter und die ungeschriebenen Gesetze werden für Aline vom Schutzraum zum Gefängnis», sagt Geiger. Gerade die Einfachheit und Begrenztheit dieser Lebensverhältnisse mache die Feldscheune zum passenden Aufführungsort.

Auch räumlich wird die Enge sichtbar: Ein Tisch und drei Stühle bilden die scheinbar geordnete häusliche Welt, während ein kleines Feld aus hohem Gras den Gegenpol setzt. Das Publikum sitzt ringsum. Julien, Alines Geliebter, tritt nicht selbst auf, sondern existiert nur in der Erinnerung. Geräusche und Live-Musik durchbrechen die Erzählung immer wieder. So arbeiten Pfister und Geiger innerhalb von «Höi Heu» eigenständig und kommen doch am selben Ort zusammen.

Zum Programm gehören zudem ein Konzert der Formation «Bluescht» sowie ein «Heugespräch» zwischen dem pensionierten Botaniker Andres Klein und Ebenrain-Leiter Christoph Böbner.

Da die Parkplatzsituation noch nicht abschliessend geklärt ist, werden Besucherinnen und Besucher gebeten, sich vor der Anreise auf der Website über die aktuellen Parkmöglichkeiten zu informieren.

Ausstellung «Höi Heu», «Heu-Schüürli» Raine, Gelterkinden. Öffnungszeiten auf www.höiheu.ch

Vernissage: Freitag, 28. August. Theater «Es Läbe lang»: 29. und 30. August, jeweils 19 Uhr. Heugespräch mit Christoph Böbner und Andres Klein: 3. September, 19 Uhr. Konzert «Bluescht»: 6. September, 19 Uhr. Szenische Lesung «Aline»: 10., 11. und 12. September.

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